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Nachdenken über 1969

Von Revolution zu Partizipation

Prof. Dr. Jan Söffner | Zeppelin Universität
29.08.2019
Was in den vergangenen Jahren zunächst in der kleinen identitären Bewegung aufgekommen ist und inzwischen in fast allen europäischen Parlamenten von recht stark angewachsenen Parteien kundgetan wird, zeugt davon, dass der Kompromiss zwischen Identität und Inklusion nicht mehr funktioniert.

Prof. Dr. Jan Söffner
Lehrstuhl für Kulturtheorie- und Analyse
 
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    Zur Person
    Prof. Dr. Jan Söffner

    Professor Dr. Jan Söffner, geboren 1971 in Bonn, studierte Deutsch und Italienisch auf Lehramt an der Universität zu Köln. Nach dem erfolgreichen Studienabschluss promovierte er am dortigen Romanischen Seminar mit einer Arbeit zu den Rahmenstrukturen von Boccaccios „Decamerone“. Die nächsten drei Jahre führten ihn als wissenschaftlichen Mitarbeiter an das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung nach Berlin. Zurückgekehrt an die Universität zu Köln, erfolgte neben einer weiteren wissenschaftlichen Tätigkeit am Internationalen Kolleg Morphomata die Habilitation. Jan Söffner übernahm anschließend die Vertretung des Lehrstuhls für Romanische Philologie und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen und leitete Deutsch- und Integrationskurse für Flüchtlinge und Migranten an den Euro-Schulen Leverkusen. Zuletzt arbeitete er erneut am Romanischen Seminar der Universität zu Köln und als Programmleiter und Lektor beim Wilhelm Fink Verlag in Paderborn. An der Zeppelin Universität lehrt und forscht Professor Dr. Jan Söffner zur Ästhetik der Verkörperung, zur Kulturgeschichte sowie zu Literatur- und Theaterwissenschaften.  

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Jahrestagen sollte man eigentlich nicht zu viel Raum geben. Aber vielleicht wäre es angebracht, mit dem Jahr 1969 eine Ausnahme zu machen, denn seine Wichtigkeit ist unbemerkt geblieben. 1969 scheint das Jahr gewesen zu sein, in dem der 1968 noch verbreitete Glaube an die Revolution endete und stattdessen der Siegeszug der Partizipation anfing. Die Studentenbewegung begann, das Freund-Feind-Denken abzulegen, das sie ihrer Elterngeneration ähnlicher gemacht hatte, als sie glaubte. Und sie lernte die Hinwendung zu einer Politik der Offenheit und Inklusion: Die Weltrevolution war nicht länger das Ziel, stattdessen verlagerte man sich darauf, den unterdrückten Minderheiten Mehrheitsrechte zu verleihen.

Ikonisch für das Scheitern des revolutionären Gestus stand in jenem Jahr die Selbstverbrennung des tschechoslowakischen Studenten Jan Palach aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings: eine Verzweiflungstat, die den Umsturz versuchte, doch nur noch Selbstvernichtung war und folgenlos blieb. Für den Erfolg der Partizipation stand dagegen der Aufstand sexueller Minderheiten in der Christopher Street in New York – sie wollten nicht das ganze System umstürzen, sondern nur in ihren Rechten anerkannt werden. Jahr für Jahr folgten dem Ereignis fortan Paraden, die zum Sinnbild einer Befreiung und allmählich auch einer gesellschaftlichen Akzeptanz wurden, wie sie sich 1969 noch kaum erhoffen ließen.

In den 1960er-Jahren gingen immer mehr Studenten weltweit auf die Straße – auch in Deutschland. Sie waren meist linksgerichtet, gesellschaftskritisch und politisch eingestellt – und strebten eine umfassende Demokratisierung der bundesdeutschen Gesellschaft als Beitrag zur Emanzipation aller Menschen von Ausbeutung und Unterdrückung an. Hier demonstrieren zwei junge Männer mit einem Transparent, das Leo Trotzki zeigt. Der russische Revolutionär, kommunistische Politiker und marxistische Theoretiker war der maßgebliche Organisator der Revolution vom 25. Oktober und 7. November 1917, der die Bolschewiki unter der Führung von Wladimir Iljitsch Lenin an die Macht brachte.
In den 1960er-Jahren gingen immer mehr Studenten weltweit auf die Straße – auch in Deutschland. Sie waren meist linksgerichtet, gesellschaftskritisch und politisch eingestellt – und strebten eine umfassende Demokratisierung der bundesdeutschen Gesellschaft als Beitrag zur Emanzipation aller Menschen von Ausbeutung und Unterdrückung an. Hier demonstrieren zwei junge Männer mit einem Transparent, das Leo Trotzki zeigt. Der russische Revolutionär, kommunistische Politiker und marxistische Theoretiker war der maßgebliche Organisator der Revolution vom 25. Oktober und 7. November 1917, der die Bolschewiki unter der Führung von Wladimir Iljitsch Lenin an die Macht brachte.

Den Unterschied, der in diesen beiden Ereignissen sichtbar wird, nennt der politische Philosoph Hans-Martin Schönherr-Mann denjenigen zwischen Revolution und „Involution“. Jan Palach war insofern Revolutionär, als er als Alternative zur Unterdrückung nur den Sturz der Unterdrücker kannte. Mit dem „involutiven“ Christopher Street Day kündigte sich indes eine andere Strategie an, nämlich diejenige der Einbindung von Ausgeschlossenen: Auf Unterdrückung und Ungerechtigkeiten reagierte die Bewegung nicht mit Umsturzdrohungen, sondern mit Inklusionsforderungen.

Der Gesinnungs- und Strategiewandel der Studentenbewegung wurde als Erstes von den überzeugtesten Revolutionären bemerkt, denen dieser nicht gefallen konnte. Schon 1969 gründeten sich in den USA die Weathermen und im folgenden Jahr in Deutschland die Rote Armee Fraktion sowie in Italien die Brigate Rosse. Die unbeabsichtigte Folge war aber, dass der revolutionäre Gestus noch stärker diskreditiert wurde, die „involutive“ Haltung indes an Überzeugungskraft gewann.

Dass sich dieser bemerkenswerte Schritt zunächst vor allem im Westen vollzog, hat sicher damit zu tun, dass die westlichen Demokratien ihrerseits inklusiver auf die Studentenrevolten reagierten als etwa die Sowjetunion auf den Prager Frühling. Auch etwas anderes dürfte aber noch von Bedeutung gewesen sein: Die 68er handelten hier weniger aus eigener Not als aus Überzeugung, und das machte sie umgekehrt auch kompromissbereiter als andere revolutionäre Bewegungen.

Dazu kam, dass die Studenten den Sozialismus stellvertretend für die Arbeiterklasse durchsetzen wollten – dieser Schicht aber selber kaum angehörten. Und sosehr die Studenten auch versuchten, sich mit einem idealisierten kommunistischen Proletariat zu solidarisieren: Ihre Solidarität blieb weitgehend unerwidert. Damit war die Revolution gescheitert.

Mit Teilhabe zum Ende der Geschichte

Durch ihre neue, meist unreflektierte „involutive“ Strategie erreichten die „69er“ indes die Verwirklichung fast all ihrer Anliegen. Pazifismus, Toleranz und Emanzipation, basisdemokratische Formen der Politik, kreative Formen der Selbstverwirklichung sowie der Abbau von Hierarchien und patriarchalen Strukturen setzten sich auf breiter Linie durch.

Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde die inklusive Haltung sogar so selbstverständlich und ihr Erfolg so durchschlagend, dass der Politikwissenschafter Francis Fukuyama 1989 das Ende der Geschichte gekommen sah – und zwar aufgrund einer partizipativen Einbindung aller Gruppen: durch Teilhabe sowohl am Wohlstand als auch an den politischen Entscheidungen in den liberalen Demokratien. In der Tat folgte nach dem Fall der Berliner Mauer eine zweite, diesmal außenpolitisch-diplomatische Inklusionswelle: diejenige der Globalisierung und also der Auflösung des Block-Denkens zugunsten offener politischer und wirtschaftlicher Netzwerke.

Gegenwärtig aber stößt das „lange 1969“ an Grenzen, seine Grundhaltungen schwinden. Es ist leicht zu erkennen, dass inklusive und partizipative Demokratien nicht mehr der natürliche Zielpunkt der Geschichte sind. Mehr noch: Es scheint ein erstaunliches Misstrauen gegenüber den inklusiv denkenden „Eliten“ entstanden zu sein – von Populisten werden sie bestenfalls als naive „Gutmenschen“ und schlimmstenfalls als Handlanger einer weltweiten Verschwörung angesehen.

Wie konnte es dazu kommen? Einen interessanten Ansatz liefert ausgerechnet Francis Fukuyama, der in seinem neuesten Buch „Identity“ die Krise am Streben nach kollektiver Anerkennung oder Würdigung spezifischer Gruppenidentitäten festmacht.

Nach jahrelangen Demonstrationen verfehlte die deutsche Studentenbewegung viele ihrer Nah- und Fernziele, erreichte aber einige soziale Reformen und einen längerfristigen kulturellen Wertewandel. Sie trug zum Wahlsieg der sozialliberalen Koalitionsregierung von 1969 bei und beeinflusste viele weitere soziale Bewegungen. Mit dem Attentat auf den Wortführer der Bewegung Rudi Dutschke am 11. April 1968 begann ihr Zerfall, aus dem auch verschiedene linksterroristische Gruppen wie die Rote Armee Fraktion hervorgingen. Was ihre Bedeutung für die Gegenwart ausmacht, wird kontrovers diskutiert – auch von ZU-Professor Jan Söffner.
Nach jahrelangen Demonstrationen verfehlte die deutsche Studentenbewegung viele ihrer Nah- und Fernziele, erreichte aber einige soziale Reformen und einen längerfristigen kulturellen Wertewandel. Sie trug zum Wahlsieg der sozialliberalen Koalitionsregierung von 1969 bei und beeinflusste viele weitere soziale Bewegungen. Mit dem Attentat auf den Wortführer der Bewegung Rudi Dutschke am 11. April 1968 begann ihr Zerfall, aus dem auch verschiedene linksterroristische Gruppen wie die Rote Armee Fraktion hervorgingen. Was ihre Bedeutung für die Gegenwart ausmacht, wird kontrovers diskutiert – auch von ZU-Professor Jan Söffner.

Das Würdigen scheint zwar einerseits viel mit einem inklusiven Gestus zu tun zu haben, denn wen man inkludiert, den würdigt man auch, indem man ihm Rechte verleiht. Andererseits sind Inklusion und Identität aber auch Gegenbegriffe. Identität braucht die Abgrenzung von anderen, um das Eigene zu erkennen: Sie ist exklusiv, und so ist es schwer, sie mit einer inklusiven Haltung zu vermitteln, in der die allgemeine Teilhabe und die Toleranz im Zentrum stehen. Es bildet sich folglich eine merkwürdige Gemengelage aus zwei Anerkennungsansprüchen: jenem auf Abgrenzung und jenem auf Einbindung.

Dieser Widerspruch scheint so lange unbemerkt geblieben zu sein, wie man Identität nur Minderheiten zubilligte. Zu Beginn des Zeitalters der «Involution» kam denn auch kaum ein Vertreter der Mehrheitsgesellschaft auf die Idee, für sich selbst Identitätsschutz zu beantragen – dafür war man zunächst zu progressiv und später zu postmodern: Anfangs hätte man die eigene kulturelle Identität für gestrig und später für ideologisch konstruiert und ergo dekonstruierenswert erachtet.

Heute ist das anders. Einerseits haben im Verlauf der Zeit immer mehr Minderheiten das Recht auf den Schutz ihrer Identität eingeklagt – und sich dabei immer weniger untereinander solidarisiert. Diese Entwicklung ist verständlich: Wenn Minderheiten einer intoleranten und exklusiven Mehrheit gegenüberstehen, teilen sie mit dem Leid auch die Hoffnung auf eine Veränderung. Ist die Mehrheit aber tolerant und ist das Ziel die Einbindung, dann ist die erfolgreiche Strategie nicht mehr die Solidarisierung, sondern der Kampf um Anerkennung für die je eigene Identität.

Andererseits hat vor diesem Hintergrund nun eben sogar die Mehrheit begonnen, auf eine Identität zu pochen. Was in den vergangenen Jahren zunächst in der kleinen identitären Bewegung aufgekommen ist und inzwischen in fast allen europäischen Parlamenten von recht stark angewachsenen Parteien kundgetan wird, zeugt davon, dass der Kompromiss zwischen Identität und Inklusion nicht mehr funktioniert.

Inklusion auf der außenpolitischen Agenda

Mit Verwunderung und erstaunlicher Verzögerung nimmt die inklusive Gesellschaft wahr, dass sie sich nicht nur mit bunten und solidarischen Minderheiten auseinanderzusetzen hat, sondern auch mit antisemitischen Migranten, mit rechtsradikalen Homosexuellen, mit xenophobem „White Trash“ und mit einer populistischen Bewegung, die die Identität des jeweiligen Volkes wahren will: mit kleinen und großen, jeweils auf Identitäts- und Anerkennungsrechte pochenden Gruppierungen, die sich auf sehr unzuverlässige Weise miteinander solidarisieren und entsolidarisieren.

Die populistische Bewegung hat dabei in der offenen und inklusiven Gesellschaft sogar ihren größten Feind entdeckt. Die von den „69ern“ errichtete Gesellschaft stellt sie als Fremdkörper dar: als eine verblendete oder bösartige globale Elite, die das Volk gefährde. Gerade dort, wo Menschen sich in ihrer Identität als „Volk“ verstehen, scheint also durch die Hintertür jenes Freund-Feind-Denken in die Politik zurückzukehren, das seit 1969 scheinbar so erfolgreich überwunden worden war.

Je stärker diese Tendenz wird, desto mehr droht die Inklusion auch von der außenpolitischen Agenda zu verschwinden; auch hier werden Bündnisse instabiler, und auch hier vertiefen sich die Gräben zwischen „Freunden“ und „Feinden“. Gerade in dieser Zeit wäre es wichtig, den Prozess zu verstehen, der vor 50 Jahren begonnen hat. Denn er hat ein Erfolgsmodell geschaffen, dessen Errungenschaften man leicht für viel selbstverständlicher hält, als sie es sind.

Dieser Artikel ist am 29. August unter dem Titel "Es ist höchste Zeit, über das Jahr 1969 nachzudenken" in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen.

Titelbild: 

Joost Evers / Anefo (CC0 Public Domain) | Link


Bilder im Text: 

Stiftung Haus der Geschichte / 2001_03_0275.4212 (CC BY-SA 2.0) | Link

| Holger Ellgaard / Eigenes Werk (CC BY-SA 3.0) | Link


Beitrag (redaktionell unverändert): Prof. Dr. Jan Söffner

Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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