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Bürgerkriegsklima in den USA

Sommer der Entscheidungen

von Prof. Dr. Hans Ulrich Gumbrecht | Zeppelin Universität
29.07.2020
Noch träumen viele meiner jungen Landsleute den patriotisch-amerikanischen Traum vom Durchbruch zu einer anderen Gesellschaft und zu einem anderen Staat, von mehr als einer Reform also. Doch was wird es in einigen Monaten bedeuten, eine Schwelle nicht erreicht zu haben, die in der Gegenwart dieses Sommers lag?

Prof. Dr. Hans Ulrich Gumbrecht
Gastprofessur für Literaturwissenschaften
 
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    Zur Person
    Prof. Dr. Hans Ulrich Gumbrecht

    Der gebürtige Würzburger Professor Dr. Hans Ulrich Gumbrecht ist ständiger Gastprofessor für Literaturwissenschaften an die Zeppelin Universität. Er studierte Romanistik, Germanistik, Philosophie und Soziologie in München, Regensburg, Salamanca, Pavia und Konstanz. Seit 1989 bekleidete er verschiedene Professuren für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften der Stanford University. Einem breiteren Publikum ist er bereits seit Ende der 1980er-Jahre durch zahlreiche Beiträge im Feuilleton vor allem der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Neuen Zürcher Zeitung sowie durch seine Essays bekannt. Darin befasst er sich immer wieder auch mit der Rolle des Sports. Gumbrecht ist bekennender Fußballfan und Anhänger von Borussia Dortmund.  

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Seit dem 14. Juli 1789 war der siebte Monat des Jahres zu einem Emblem für die Revolution als neuer Erlebnisform geworden, selbstredend nicht in Ausschließlichkeit, aber deutlich genug doch, um allerhand Überlegungen auf den Weg zu bringen. Kanonbildend wirkte Jules Michelets 1874 veröffentlichte „Geschichte der Französischen Revolution“, die den warmen Frühsommer von 1789 als Frist ominöser Unruhe heraufbeschwor: „Es war eine stürmische, bleischwere, düstere Zeit, voll von Hoffnung und Furcht wie ein schmerzhafter Fiebertraum. Eine Zeit mit falschen Warnungen, falschen Nachrichten, allen möglichen Illusionen und Erfindungen. Man ahnte, aber nicht so genau. Man wollte erklären und konnte doch nur immer vermuten.“

Bis ins überraschende Detail passen diese Worte zur Atmosphäre dieser Wochen in den Vereinigten Staaten, deren Bürger ich bin. Keine Gewissheit zu haben, ob beunruhigende Zeiten hin zu einem einschneidenden Ereignis führen, das dann retrospektiv eine historische Schwelle wird, gehört zu ihrer Typologie. Anders formuliert: Solche Schwellen können allein als Möglichkeit gegenwärtig sein. Wo sich ihre Überschreitung ereignet, gerinnen sie sofort zu Fakten der Vergangenheit. Auch diesen Sachverhalt hatte Michelet schon erfasst: „Am 13. war Paris nur darauf konzentriert, sich zu verteidigen, am 14. griff die Stadt an. Am Abend des 13. war sie noch voller Zweifel, nichts davon blieb am folgenden Morgen.“ Seit der Ermordung von George Floyd bei einem Polizeieinsatz am vergangenen 25. Mai in Minneapolis haben die Aggressivität öffentlicher Proteste zugunsten der Afroamerikaner und die Drastik ihrer Unterdrückung seitens unserer auf die Angst breiter Bevölkerungsschichten setzenden Bundesregierung eine Intensität erreicht, deren Interpretation als „Bürgerkriegsklima“ niemanden mehr überrascht.

US-Präsident Donald Trump steht seit Jahren im Zentrum politischer Kritik in den USA. Oft wehrt er sich gegen Vorwürfe im sozialen Netzwerk Twitter – dort greift Trump seine politischen Gegner besonders oft und besonders hart an. Immerhin: Er bedauert manche seiner kontroversen Tweets und Retweets offenbar, sagte er dem Gründer der Website „Barstool Sports“, Dave Portnoy, in einem Interview. Auf eine entsprechende Frage erklärte er, es geschehe „zu oft“, dass er aufwache und denke, er hätte etwas lieber nicht auf Twitter verbreiten sollen. „Früher schrieb man einen Brief und sagte: ,Dieser Brief ist wirklich schlecht.‘ Und man legte ihn auf den Schreibtisch, ging am nächsten Tag zurück und sagte: ,Oh, ich bin froh, dass ich das nicht abgeschickt habe.‘“ Trump sagte weiter: „Aber das machen wir bei Twitter nicht.“ Stattdessen veröffentliche man Dinge dort sofort. Dann fühle man sich großartig, bis die Anrufe mit der Frage kämen, ob man das wirklich gesagt habe. Trump folgen auf Twitter 84 Millionen Nutzer.
US-Präsident Donald Trump steht seit Jahren im Zentrum politischer Kritik in den USA. Oft wehrt er sich gegen Vorwürfe im sozialen Netzwerk Twitter – dort greift Trump seine politischen Gegner besonders oft und besonders hart an. Immerhin: Er bedauert manche seiner kontroversen Tweets und Retweets offenbar, sagte er dem Gründer der Website „Barstool Sports“, Dave Portnoy, in einem Interview. Auf eine entsprechende Frage erklärte er, es geschehe „zu oft“, dass er aufwache und denke, er hätte etwas lieber nicht auf Twitter verbreiten sollen. „Früher schrieb man einen Brief und sagte: ,Dieser Brief ist wirklich schlecht.‘ Und man legte ihn auf den Schreibtisch, ging am nächsten Tag zurück und sagte: ,Oh, ich bin froh, dass ich das nicht abgeschickt habe.‘“ Trump sagte weiter: „Aber das machen wir bei Twitter nicht.“ Stattdessen veröffentliche man Dinge dort sofort. Dann fühle man sich großartig, bis die Anrufe mit der Frage kämen, ob man das wirklich gesagt habe. Trump folgen auf Twitter 84 Millionen Nutzer.

Zugleich ist die bisher bloß entschlossene Parteinahme vor allem akademischer Intellektueller und ihrer Universitäten zugunsten der afroamerikanischen Bevölkerung in eine programmatische Intoleranz umgeschlagen, die vielfach – nun in Bezug auf der Terrorphase der Französischen Revolution zwischen 1792 und 1794 – als „jakobinisch“ kritisiert worden ist. Wer von der Linie des Engagements abweicht, mag seine Anstellung verlieren oder gnadenlos den Cancel Culture genannten Vernichtungsverfahren in den elektronischen Medien ausgesetzt werden, wo es mittlerweile für viele Jugendliche (zum Beispiel für meine jüngere Tochter, eine Sonderschullehrerin) als unmoralisch gilt, über andere als „politisch ernste Themen“ zu kommunizieren.

Kaum jemand formuliert konkrete Vorschläge zur langfristigen Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage von Millionen schwarzer Mitbürger, und wer nach Lösungsstrategien sucht, schätzt die Chancen ihrer Durchsetzung bestenfalls skeptisch ein. Alle Beobachter jedoch (vor allem jene außerhalb der Vereinigten Staaten) wollen mit eindeutigen Erklärungen für die unklare Lage aufwarten – und bleiben dann bei eher unterkomplexen Vermutungen stecken, wie es Michelet so trefflich für den Frühsommer 1789 formuliert hatte. Weiter kommt man wohl nur mit der Prämisse, dass hier mehrere Spannungen und angebliche Spaltungen der amerikanischen Gesellschaft zu einem Syndrom zusammengekommen sind, das ganz verschiedene Schwellenereignisse ebenso vorstellbar macht wie eine aus ihrem Ausbleiben folgende Stagnation und Dekadenz.

Besonders deutlich zeigt sich angesichts der Präsidentenwahlen im November natürlich der Gegensatz zwischen den beiden etwa gleich starken Bevölkerungshälften, die Trump entweder unter keinen oder unter allen Bedingungen unterstützen werden.

„Bürgerkriegsähnliche“ Stimmung des Sommers

Wir Trump-Gegner halten den Stil seiner Politik – mehr als ihre (zuweilen ja durchaus akzeptablen) Inhalte – für unvereinbar mit den Grundprinzipien von Demokratie. Die Anhänger hingegen sind dem Präsidenten eher über Resonanz denn über sachliche Beistimmung verbunden und fragen sich deshalb erst gar nicht, was genau jene „Größe Amerikas“ sein könnte, nach deren Rückkehr sie sich sehnen. Schon dieser erste, für die institutionelle Zukunft der Politik ausschlaggebende Kontrast bildet nicht genau den Gegensatz zwischen jenen Blöcken von Amerikanern ab, die in der Vergangenheit entweder für die Demokratische oder für die Republikanische Partei gestimmt haben.

Denn es gibt tatsächlich demokratische Stammwähler mit einer Sympathie für Gesten, die sie als Trumps Bruch mit dysfunktional gewordenen Traditionen des politischen Handelns ansehen, und auf der anderen Seite eine offenbar größere Zahl von republikanisch orientierten Bürgern, die es Trump übel nehmen, dass er ihre „Grand Old Party“ auf Distanz zu ihrem historischen Erbe gesetzt hat. Als ausschlaggebend für unsere Gegenwart beeindruckt mich freilich eine demografisch paradoxerweise kaum fassbare und eben deswegen dem Verstehen nur schwer zugängliche dritte Spannung.


Es geht um den von der heutigen Öffentlichkeit ausgesparten Gegensatz zwischen jener überwältigenden Mehrheit von 320 Millionen Amerikanern, denen grundsätzlich an einer Verbesserung der Lebensbedingungen für die ungefähr 13 Prozent Afroamerikaner unter ihnen gelegen ist, und den vom Gesetz nicht tolerierten Extremisten, die Ungleichheit zu ihren Gunsten aufgrund eines Glaubens an rassische Überlegenheit in Anspruch nehmen. Im Sinn dieser Beschreibung kann unser Präsident keinesfalls als Rassist gelten, da er das Gewaltmonopol des Staates nicht gegen die Inhalte der fortgesetzten Protestereignisse einsetzt, sondern gegen ihre ja de facto bestehende Drohung mit nicht staatlicher Gewalt.

Doch warum ist seit dem Tod von George Floyd aus einer Dynamik, welche die ausgerechnet am 13. Juli 2013 offiziell begründete Black-Lives-Matter-Bewegung schon immer begleitet hatte, die vorrevolutionäre, „bürgerkriegsähnliche“ Stimmung dieses Sommers geworden?

Seit dem gewaltsamen Tod des US-Amerikaners George Floyd kommen die USA nicht zur Ruhe. In vielen Städten des Landes kommt es weiterhin zu Demonstrationen und Ausschreitungen. Die politischen Antworten darauf werden immer härter. Die interne Aufsichtsbehörde des US-Justizministeriums will nun den umstrittenen Einsatz von Sicherheitskräften des Bundes in Portland untersuchen, teilte der Generalinspektor des Justizministeriums, Michael Horowitz, Ende Juli mit. In Portland kam es zuvor bei Protesten, die nach dem Tod des Afroamerikaners Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz vor knapp zwei Monaten begannen, wiederholt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei. In einem ungewöhnlichen Schritt schickte die Regierung von Präsident Donald Trump gegen den Willen des Bundesstaates und der Stadt Sicherheitskräfte nach Portland. Dies soll nun auch in weiteren US-Metropolen wie Chicago geschehen.
Seit dem gewaltsamen Tod des US-Amerikaners George Floyd kommen die USA nicht zur Ruhe. In vielen Städten des Landes kommt es weiterhin zu Demonstrationen und Ausschreitungen. Die politischen Antworten darauf werden immer härter. Die interne Aufsichtsbehörde des US-Justizministeriums will nun den umstrittenen Einsatz von Sicherheitskräften des Bundes in Portland untersuchen, teilte der Generalinspektor des Justizministeriums, Michael Horowitz, Ende Juli mit. In Portland kam es zuvor bei Protesten, die nach dem Tod des Afroamerikaners Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz vor knapp zwei Monaten begannen, wiederholt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei. In einem ungewöhnlichen Schritt schickte die Regierung von Präsident Donald Trump gegen den Willen des Bundesstaates und der Stadt Sicherheitskräfte nach Portland. Dies soll nun auch in weiteren US-Metropolen wie Chicago geschehen.

Zwei Antworten liegen auf der Hand. Zum einen haben die – zumal in unserem Land – noch längst nicht an einen Beginn ihres Endes gelangten Pandemiebedingungen unter mehreren Perspektiven (individuell zur Verfügung stehende Zeit, Leere des je eigenen Alltags, Rückkehr zu sogenannten fundamentalen Werten) den Fokus auf Probleme der Alltagswelt weiter geschärft und gesteigert.


Vor allem aber hatten sich schon vorher mit den Bildern und der besonderen Vorgeschichte des Mords an George Floyd ebenso relevante wie skandalöse Rahmenzustände unerträglich verdichtet: in der denkbaren Rivalität zwischen dem (für seine Brutalität bekannten ehemaligen) Polizisten Derek Chauvin und (dem vorbestraften) George Floyd, die anlässlich ihrer überlappenden Arbeit als „Rausschmeißer“ („bouncers“) beim selben Nachtclub entstanden sein mag; im Tod von George Floyd als Symbol für die extreme Unwahrscheinlichkeit einer gelingenden Rehabilitation afroamerikanischen Männer, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind; in der Chauvins sadistischen Tötungsakt ermutigenden Anmaßung, via Immunität von allen gesetzlichen Konsequenzen entbunden zu sein.

Entscheidend bei der atemberaubenden Verengung von beflissen „politisch korrekter“ hin zu jakobinisch unnachgiebiger Intoleranz muss aber eine – als vor- oder halbbewusstes Motiv eigentlich nie erwähnte – an Verzweiflung grenzende Furcht der für die Afroamerikaner engagierten Mehrheit gewirkt haben, dass es zu nachhaltigen Veränderungen selbst in der intensiven Gegenwart dieses Sommers nicht kommen wird. So wie schon auf die legale Aufhebung der Sklaverei im Amerikanischen Bürgerkrieg und ein Jahrhundert später auf die Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre kein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Durchbruch gefolgt war. Oder fühlen sich Intellektuelle gerade unter einem Himmel ohne Lösungen am wohlsten? Statt neue Umwege der Veränderung zu entwickeln, versuchen sie ja (oft im wörtlichen Sinn), die Räume für vermeintliche Gegner mit tautologischen Parolen immer enger zu machen – ohne zu wissen, wo wirklich mächtige Antagonisten stehen könnten.

Dass etwa mit Billigung der Stadt New York auf die am Trump Tower vorbeiführende Straße der ohnehin allgegenwärtige Slogan „Black Lives Matter“ geschrieben wurde, wird keinerlei Bewegung auslösen, zumal unser Präsident ja mit Recht behaupten könnte, dass er diese Meinung teilt. Ebenso wenig bedürfen die momentan an ihrer jakobinischen Intoleranz festhaltenden Akademiker der Erinnerung ihrer Kollegen an den Wert freier Rede.

Schmerzmittel gegen die Albträume

All diese Reaktionen haben keine kommunikativen Funktionen mehr, sondern gehören zu einem Sommer der Spannung und Ungeduld, zu den immer hektischeren Versuchen, eine Schwelle zu überschreiten, die – ganz im Gegensatz zur ersehnten Zukunft – nie wirklich in Sicht kommt. Gibt es also überhaupt noch kollektive Ziele in der amerikanischen Gegenwart, deren Realisierung wir nicht als ausgeschlossen abschreiben müssen?

Immerhin hat die von George Floyds Tod ausgelöste Entrüstung zusammen mit der Gewaltdrohung der Proteste bei einer Reihe von Bundesstaaten zu Ansätzen der Revision in den Vorschriften für Polizeieinsätze und sogar in der Polizistenausbildung geführt. Nichts spricht dagegen, dass sie – zumal bei fortgesetzt öffentlichem Druck – weitergeführt werden. Möglicherweise gehört zweitens zu den Faktoren hinter dem derzeit nachweisbaren Popularitätsverlust von Donald Trump auch ein Bedürfnis, die in seinen vier Amtsjahren aktiv zerstörte und schon zuvor unter George W. Bush verblasste Aura der im Weißen Haus konzentrierten Politik zurückzugewinnen. Auch dies scheint – etwa im Fall einer Wahl von Joe Biden – keinesfalls ausgeschlossen.

Doch im Blick auf den für etwa ein Drittel der vor allem männlichen schwarzen Bevölkerung geltenden Zyklus von Armut, höheren Kriminalitätsraten und geringen Aussichten auf Rehabilitation innerhalb einer profitorientiert privaten „Gefängnisindustrie“ steht keine Verbesserung in Aussicht. Nicht einmal, wenn man davon ausgeht, dass in der Diagnose dieses Zyklus schon ein Lösungsansatz steckt. Denn wirksame Reformen würden innenpolitische Interventionen des zentralen Staates zugunsten von mehr Gleichheit in einem Ausmaß verlangen, gegen das die meisten der primär auf individuelle Freiheit ausgerichteten Amerikaner – auch Amerikaner der Minderheiten – grundsätzliche Vorbehalte hegen. Einmal abgesehen von dem Eindruck, dass sich Revolutionen im klassischen Sinn institutioneller Diskontinuität unter den strukturellen Voraussetzungen entwickelter Gesellschaften von heute offenbar kaum mehr vollziehen, stehen wir uns beim Überschreiten einer historischen Schwelle vor allem selbst im Weg.

Mit vielfachen und mittlerweile ermüdend tautologischen Forderungen bestehen wir auf Veränderungen, deren wohl einzige Realisierungsstrategie – durch Intervention des Staates – wir nicht ohne Weiteres zu unterstützen bereit wären. Noch träumen viele meiner jungen Landsleute den patriotisch-amerikanischen Traum vom Durchbruch zu einer anderen Gesellschaft und zu einem anderen Staat, von mehr als einer Reform also. Doch was wird es in einigen Monaten bedeuten, eine Schwelle nicht erreicht zu haben, die in der Gegenwart dieses Sommers lag?

Außerhalb der Vereinigten Staaten, zumal in Europa, laufen einschlägige Prognosen zu einer breiten Konsensdynamik auf. Sollte bis Ende dieses Jahres keine einschneidende Reform oder unblutig-„glorreiche Revolution“ unserer Institutionen gelingen, dann stehe ein „freier Fall“, ein „Zusammenbruch“ oder zumindest eine „beschleunigte Dekadenz“ (all diese Formulierungen habe ich in der vergangenen Woche mehrfach gelesen) zum Status einer ehemaligen Weltmacht bevor.

Als Schmerzmittel gegen solche Albträume aktiviere ich gerne zwei Schichten – ganz und gar unrevolutionärer – historischer Erfahrung. Rom und Byzanz haben als Weltreiche der Vergangenheit den Beginn ihrer Dekadenz um viele Jahrhunderte überlebt. Und die Vereinigten Staaten selbst sind aus der militärisch-politischen Niederlage des Vietnamkriegs wie aus dem Schockerlebnis der Invasion vom 11. September 2001 gestärkt hervorgegangen.

Doch dieser Sommer hält eine andere Herausforderung bereit: Wir müssen über unseren Widerstand gegen die Verwirklichung der eigenen Zukunftshoffnungen hinauskommen.


Dieser Artikel ist am 17. Juli unter dem Titel „Sommer der Furcht“ auf WELT erschienen.

Titelbild: 

| Ferdinand Stöhr / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Bilder im Text: 

| Visuals / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link

| James Eades / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Beitrag (redaktionell unverändert): Prof. Dr. Hans Ulrich Gumbrecht

Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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