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Ein notwendiges Postskriptum

Ein weißer Storch als Schwarzer Schwan

von Dr. Joachim Landkammer | Zeppelin Universität
19.01.2021
Man darf daran erinnern, dass sich die abendländische Wissenschaft in progressiv verschärfter Abgrenzung zu einem Denken konstituiert hatte, dem man in der Form des ,religiösen‘ oder vormals ,mythischen‘ Denkens die Ausnahmen überlassen hatte, um sich lieber ausschließlich den Regeln zu widmen.

Dr. Joachim Landkammer
Akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kunsttheorie und inszenatorische Praxis
 
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    Zur Person
    Dr. Joachim Landkammer

    Dr. Joachim Landkammer wurde 1962 geboren und studierte in Genua und Turin. Nach seinem dortigen Philosophiestudium, abgeschlossen mit einer Arbeit über den frühen Georg Simmel und einer ebenfalls in Italien durchgeführten Promotion über den Historikerstreit, hat Joachim Landkammer als Assistent und wissenschaftlicher Mitarbeiter von Prof. Dr. W. Ch. Zimmerli an den Universitäten Bamberg, Marburg und Witten/Herdecke gearbeitet. Seit 2004 ist er Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zeppelin Universität und Verantwortlicher des ZU-artsprogram für den Bereich Musik.

    Joachim Landkammer arbeitet neben seiner Lehrtätigkeit und einer gewissen journalistischen Textproduktion an verschiedenen interdisziplinären Themen in den Anwendungs- und Grenzbereichen der Philosophie, der Ästhetik und der Kulturtheorie. Ein dezidiertes Interesse gilt dem Dilettantismus und der Kunst- und Musikkritik.  

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Weniges ist für einen vorlauten Verfasser von öffentlichen Texten so peinlich wie eine darin enthaltene Formulierung, die einem von niemand anderem als „der Zeit“ selbst um die Ohren gehauen wird: weil sie schal geworden ist, mittlerweile abgeschmackt klingt oder, am schlimmsten: weil sie einfach falsch (geworden) ist und von den voraussehbar unvoraussehbaren Zeitläuften schlicht widerlegt wurde. In Grund und Boden müsste sich daher heute schämen, wer wie der hier (erstaunlicherweise: schon wieder) Schreibende im September 2020 meinte, einen Text über die „Pokal-Logik“ mit der wenig geistreichen Gary-Lineker-Paraphrase beschließen zu müssen, Fußball sei ein Spiel, in dem 22 Personen einem Ball hinterherlaufen „und am Ende gewinnt immer Bayern München“ (vergleiche hier).


Seitdem am vergangenen Mittwoch der Zweitligist (!) Holstein Kiel die bayrischen Dauer-Sieger in einem furios-kuriosen Spiel „aus dem Pokal geworfen hat“ (wie sich der Fachmann rabiat-deutlich ausdrückt), ist diese so leichtfertig herausposaunte Pointe eindeutig dementiert, als unhaltbar entlarvt und in den (nicht ganz kleinen, wie man weiß) Orkus der wissenschaftlich verbrämten Falschaussagen – vulgo: „Lügen“ – geworfen worden. Dem vor den Augen einer aufmerksamen Weltöffentlichkeit beschämt dastehenden Autor bleiben jetzt – da die Chance des vornehmen Beschweigens ja schon vertan ist – nur noch wenige Gegenstrategien. Eine naheliegende, den Eklat herunterspielende Beschwichtigung, die händeringend nach mildernden Gründen für diese himmelschreiende Fehlprognose sucht, könnte in der Tat einige Argumente beibringen für die Identifizierung der unerwarteten Bayern-Niederlage als eine jener berühmten „Ausnahmen, die nur die Regel bestätigen“: Es handelte sich ja immerhin um ein Spiel zwischen zwei Profi-Mannschaften, die nur eine Liga Unterschied trennt (beweist also noch nicht, was die „Pokal-Logik“ ja eigentlich suggeriert, nämlich die potenzielle Ebenbürtigkeit von internationalen Stars und Kreisliga-Amateuren); es war außerdem seit 17 Jahren nicht passiert, dass die Bayern im Pokal-Wettbewerb gegen „niederklassige“ Mannschaften verlieren und, last but not least, es war – was die verständliche Begeisterung der Fans der norddeutschen Underdogs vielleicht vergessen lässt – ein ganz knappes Spiel, das letztlich entschieden wurde nur durch einen missglückten Elfmeter eines relativ unerfahrenen Münchner Nachwuchsspielers mit wenig Spielpraxis – und auch, dass nach zehn (!) am Stück vollkommen erwartbar verwandelten Strafstößen der elfte auch mal gehalten wird, ist rein statistisch vermutlich durchaus erwartbar und „normal“.

Der Weißstorch ist das Maskottchen der KSV Holstein Kiel.
Kam jener viel beschworene „Schwarze Schwan“ der Wissenschaftstheorie, der für die Negation scheinbar offensichtlicher All-Sätze („Alle Schwäne sind weiß“), also für das Eintreten völlig unerwarteter Ereignisse steht, diesmal in Gestalt eines Weißstorchs, dem Maskottchentier der Kieler „Störche“? Am 13. Januar 2021 verlor jedenfalls der letztjährige Triple-Sieger Bayern München, nach einem sehr glücklichen Ausgleichstor in der Nachspielzeit, im Elfmeterschießen gegen „Holstein Kiel“, und ist daher seit mehr als 20 Jahren das erste Mal im Achtelfinale nicht mehr dabei.
Kam jener viel beschworene „Schwarze Schwan“ der Wissenschaftstheorie, der für die Negation scheinbar offensichtlicher All-Sätze („Alle Schwäne sind weiß“), also für das Eintreten völlig unerwarteter Ereignisse steht, diesmal in Gestalt eines Weißstorchs, dem Maskottchentier der Kieler „Störche“? Am 13. Januar 2021 verlor jedenfalls der letztjährige Triple-Sieger Bayern München, nach einem sehr glücklichen Ausgleichstor in der Nachspielzeit, im Elfmeterschießen gegen „Holstein Kiel“, und ist daher seit mehr als 20 Jahren das erste Mal im Achtelfinale nicht mehr dabei.

Solche argumentativen Rückzugsgefechte befriedigen freilich nicht. Stattdessen gibt es gute Gründe, die zentrale (und von der vorwitzigen Schlusspointe ja vielleicht unabhängige) These sogar zu verschärfen und darauf zu insistieren, dass die Wissenschaft, wie wir sie kennen, lehren, praktizieren und verteidigen, immer nur das statistische Mittel, das rational als „wahrscheinlich“ Erwartbare und Normale, das durch wohldefinierte Kategorien, Unterscheidungen, Rahmungen (und „Ligen“ sind ja nichts anderes als solche Rahmungen) Vorgegebene und Präjudizierte im Blick haben kann – und darf. Wer wie etwa der Bestseller-Autor Nassim Nicholas Taleb in seinen Erfolgs-Büchern etwas plakativ den „Schwarzen Schwan“, also die unerwartete und unvorhersehbare Ausnahme als zentrale Referenzfigur für theoretische und praktische Entscheidungen (vor allem natürlich: Anlagestrategien) heranzieht, macht damit zwar tatsächlich auf gewisse Naivitäten und blinde Flecken rationaler Weltauffassungen und deren Folgen aufmerksam, riskiert aber auch, die Grenzen des Wissenschaftlichen in Richtung des Spekulativen, des Emotionalen (des Erhofften oder Befürchteten), also des nur „Gefühlten“ zu überschreiten. 


Man darf ja daran erinnern, dass sich die abendländische Wissenschaft in progressiv verschärfter Abgrenzung zu einem Denken konstituiert hatte, dem man in der Form des „religiösen“ oder vormals „mythischen“ Denkens die Ausnahmen überlassen hatte, um sich lieber ausschließlich den Regeln zu widmen. Dabei wurde und wird immer mitgedacht, dass das „Alle“ und das „Immer“ in wissenschaftlich begründbaren „All-Aussagen“ nie jener ganz strengen Logik entsprechen muss, nach der „alle Menschen sterblich sind“ und 2 + 2 immer 4 ergibt; stets hat die Wissenschaft auch (Un-)Wahrscheinlichkeiten, Zufälle und Kontingenzen auf rational nachvollziehbare Art berücksichtigt und in ihre Diskurszuständigkeiten eingeschlossen. Aber diese Zugeständnisse an das Dennoch-Unregelmäßige und Trotzdem-Offenbleibende haben nie zur Anerkennung von jenen angeblichen Leerstellen des Gesetzmäßigen geführt, als die all die „Wunder“, „Heldentaten“ und mythischen Ereignisse gehandelt werden, mit denen diese Lücken durch übernatürliche göttliche (oder satanische) Intentionen und Interventionen gefüllt werden. Dass der Sport dieser Vorstellungswelt des Irrationalen und Außergesetzmäßigen nahesteht, zeigt das dort übliche Vokabular zur Beschreibung unerwarteter Ergebnisse, das ja deutliche Anleihen am (pseudo-)religiösen Diskurs nimmt („Hand Gottes“, „das Wunder von Bern“); umso riskanter ist es natürlich, wenn die Wissenschaft sich, und gar mit gewagten „Nie“- beziehungsweise „Immer“-Prognosen, auf das unsicher-ereignishafte Gebiet des Sports wagt.

Was alles nicht bedeutet, dass das Rechnen mit dem Exzeptionellen, mit der Erwartung und der Überraschung, nicht ein interessantes Thema der (Kultur-)Wissenschaft wäre. Der baldige Start der Vorlesungsreihe „Apokalyptik und Weltrettung“ an der Zeppelin Universität, der das gleichnamige Jahresthema des artsprogram flankiert, lädt in der Tat zur Überlegung ein, ob die Apotheose und das Urbild der verbreiteten Ausnahme-Hoffnung nicht gerade das (christliche) Welten-Ende darstellt: Denn am Tag des „Jüngsten Gerichts“ werden endgültig alle weltlichen Gesetze, Erwartungen, Wahrscheinlichkeiten zunichte, die Stärkeren, Reicheren, Mächtigeren werden nicht mehr (wie sonst „immer“) die Bevorzugten sein, die Underdogs werden auch einmal ganz Oben mitspielen, das große „Immer-so-Weiter“ wird endlich enden und jede menschengemachte Regel, Statistik und Erwartbarkeit wird hoffnungslos verblassen an jenem Tag der Großen Ausnahme, der grandiosen Heraufkunft völlig neuer und anderer Gesetze und Gerechtigkeiten. Und erst damit wird jene am 24. Dezember jedes christlichen Jahres gefeierte außerordentliche Welt-Intervention vor 2.000 Jahren vollendet, mit der ja die mundane Zeit seitdem als ganze unter dem Vorbehalt einer temporär befristeten Normalität steht.

Es ist vermutlich kaum verzeihlich, das Sublime mit dem Lächerlichen und Nichtswürdigen auf so enge Tuchfühlung zu bringen, aber man wird das Gefühl nicht los, dass die „Pokal-Logik“, die meint, es gäbe so etwas wie eine klassenlose Gerechtigkeit, weil ja alle „in der gleichen Liga“ spielen, eine letztlich apokalyptische Idee ist, ein entfernter Ableger von jenen Hoffnungen und Erwartungen, die kulturgeschichtlich einmal auf jenes Weltenende gerichtet waren, an dem, so lautete die Überzeugung, ganz andere Menschen auf dem Siegertreppchen stehen werden als die, die dort jetzt gefeiert werden. Wer dann dabei sein wird, „when the saints go marching in“, wissen wir nicht; nur, wer es sicher nicht sein wird, kann man seit Mittwoch wissen: die stolzen Profis von Bayern München.

Grausam wird es hergehen, wenn „Die vier Apokalyptischen Reiter” (hier Dürers Holzschnitt von ca. 1497) über die Welt hereinbrechen. Aber es wird, wofür der Reiter mit der Waage bürgt, um nichts anderes als um endlich ausgleichende Gerechtigkeit gehen, und die, die dann unten zermalmt liegen werden, werden ganz sicher die sein, die einst in den „oberen Ligen“ spielten.
Grausam wird es hergehen, wenn „Die vier Apokalyptischen Reiter” (hier Dürers Holzschnitt von ca. 1497) über die Welt hereinbrechen. Aber es wird, wofür der Reiter mit der Waage bürgt, um nichts anderes als um endlich ausgleichende Gerechtigkeit gehen, und die, die dann unten zermalmt liegen werden, werden ganz sicher die sein, die einst in den „oberen Ligen“ spielten.

Titelbild: 

| Pierre Gui / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Bilder im Text: 

| Blickpixel / Pixabay.com (CC0 Public Domain) | Link

| Holgi / Pixabay.com (CC0 Public Domain) | Link

| Zeppelin Universität (Alle Rechte vorbehalten) | Link

| Albrecht Dürer (Gemeinfrei) | Link


Beitrag (mit Bildunterschriften): Dr. Joachim Landkammer
Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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