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Nach der Pandemie

Das Ende der Menschheit?

von Prof. Dr. Jan Söffner | Zeppelin Universität
31.05.2021
Weitere nach Objektivierung rufende globale Krisen – vor allem die ökologischen – stehen bevor. Sie sind weitere Gelegenheiten, die westlichen Demokratien einer weiteren Dataisierung und Faktifizierung, einem weiteren Handeln gemäß der Notwendigkeit auszusetzen.

Prof. Dr. Jan Söffner
Lehrstuhl für Kulturtheorie und -analyse
 
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    Zur Person
    Prof. Dr. Jan Söffner

    Professor Dr. Jan Söffner, geboren 1971 in Bonn, studierte Deutsch und Italienisch auf Lehramt an der Universität zu Köln. Nach dem erfolgreichen Studienabschluss promovierte er am dortigen Romanischen Seminar mit einer Arbeit zu den Rahmenstrukturen von Boccaccios „Decamerone“. Die nächsten drei Jahre führten ihn als wissenschaftlichen Mitarbeiter an das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung nach Berlin. Zurückgekehrt an die Universität zu Köln, erfolgte neben einer weiteren wissenschaftlichen Tätigkeit am Internationalen Kolleg Morphomata die Habilitation. Jan Söffner übernahm anschließend die Vertretung des Lehrstuhls für Romanische Philologie und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen und leitete Deutsch- und Integrationskurse für Flüchtlinge und Migranten an den Euro-Schulen Leverkusen. Zuletzt arbeitete er erneut am Romanischen Seminar der Universität zu Köln und als Programmleiter und Lektor beim Wilhelm Fink Verlag in Paderborn. An der Zeppelin Universität lehrt und forscht Professor Dr. Jan Söffner zur Ästhetik der Verkörperung, zur Kulturgeschichte sowie zu Literatur- und Theaterwissenschaften.

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Kaum ein Satz aus dem Œuvre Michel Foucaults ist wohl häufiger zitiert worden als das Ende seiner „Ordnung der Dinge“ von 1966. Der Mensch, so hält Foucault dort fest, sei eine Erfindung des späten 18. Jahrhunderts, und man könne „sehr wohl wetten, dass [er] verschwinden wird wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“.

Foucault sah dabei nicht einfach eine Neukonzeption des Menschen voraus, sondern den grundlegenden Wechsel in einer Episteme, das heißt in den Grundlagen des Wissens und im gesamten Gefüge möglicher Sicht- und Seinsweisen. So vermutet er im selben Satz als Bedingung für das Verschwinden des Menschen „irgendein Ereignis, dessen Möglichkeit wir höchstens vorausahnen können, aber dessen Form oder Verheißung wir im Augenblick noch nicht kennen“.

These der folgenden Ausführungen ist, dass dieses Ereignis nun, etwas über 50 Jahre später, eingetreten ist. Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man zunächst klären, wie Foucault den „Menschen“ definierte. Er verstand ihn als Urheber und Produkt der Moderne – und vor allem als eigenwillig doppelt angelegt: eine Dublette, wie er es nannte. Einerseits ist der Mensch nämlich empirisch untersuchbar, bestimmt durch seine Arbeit, seine Sprache und sein Leben (objektiviert in Ökonomie, Linguistik und Biologie) – zugleich aber ist er andererseits Austragungsort dieser Erkenntnis und damit Erkenntnissubjekt.

Auch wenn man vielleicht heute die Linguistik durch die Neurowissenschaften ersetzen würde, kann man diese Doppelung noch immer leicht nachvollziehen, zum Beispiel in der Popularisierung der Rede vom Gehirn. Wenn ich nachts arbeite, denkt mein dem Bildschirm ausgesetztes Gehirn, es sei Tag – und weil es so dumm ist, kann ich nach der Arbeit dann nicht schlafen.

Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass das verstehende Ich selbst ein Produkt dieses Gehirns ist und dass, wenn da jemand denkt, es gerade dieses Gehirn-Ich sein muss. Und schon wird alles doppelt: „Ich“ bin zugleich mein objektivierbares, empirisch untersuchtes Gehirn – und doch bin ich auch das transzendentale Subjekt, das dieses Gehirn zu verstehen glaubt.

Das Ende der Menschheit – oder ein furioses Comeback von Freiheit und Feierei? Wie die Gesellschaft auf das nahende Ende der Pandemie reagiert, muss sich erst noch zeigen. Fest steht: Die Corona-Zahlen in Deutschland sehen Ende Mai von Tag zu Tag besser aus, auch wenn es weiterhin Unwägbarkeiten mit Blick auf die Virusvarianten und Lockerungen gibt. Das Robert Koch-Institut gab die bundesweite 7-Tage-Inzidenz am 30. Mai 2021 mit 35,2 an. Das ist der niedrigste Wert seit Mitte Oktober 2020. Mittlerweile sind alle Bundesländer in Deutschland unter den politisch bedeutsamen Inzidenzwert von 50 gerutscht. Auf den Intensivstationen lagen laut DIVI-Intensivregister zuletzt so wenige Corona-Patienten wie seit Anfang November nicht mehr. Der Rückgang wird von Experten unter anderem mit Immunschutz durch Impfungen und überstandene Infektionen, wärmeren Temperaturen und Schnelltests bei Schule, Arbeit und Freizeit in Verbindung gebracht. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass aggressive Virusvarianten die Situation in Deutschland nochmal brenzliger machen. Breitet sich die Variante aus Indien auch hierzulande aus – ähnlich wie das in Großbritannien bereits geschieht? Das ist bislang kaum vorherzusagen.
Das Ende der Menschheit – oder ein furioses Comeback von Freiheit und Feierei? Wie die Gesellschaft auf das nahende Ende der Pandemie reagiert, muss sich erst noch zeigen. Fest steht: Die Corona-Zahlen in Deutschland sehen Ende Mai von Tag zu Tag besser aus, auch wenn es weiterhin Unwägbarkeiten mit Blick auf die Virusvarianten und Lockerungen gibt. Das Robert Koch-Institut gab die bundesweite 7-Tage-Inzidenz am 30. Mai 2021 mit 35,2 an. Das ist der niedrigste Wert seit Mitte Oktober 2020. Mittlerweile sind alle Bundesländer in Deutschland unter den politisch bedeutsamen Inzidenzwert von 50 gerutscht. Auf den Intensivstationen lagen laut DIVI-Intensivregister zuletzt so wenige Corona-Patienten wie seit Anfang November nicht mehr. Der Rückgang wird von Experten unter anderem mit Immunschutz durch Impfungen und überstandene Infektionen, wärmeren Temperaturen und Schnelltests bei Schule, Arbeit und Freizeit in Verbindung gebracht. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass aggressive Virusvarianten die Situation in Deutschland nochmal brenzliger machen. Breitet sich die Variante aus Indien auch hierzulande aus – ähnlich wie das in Großbritannien bereits geschieht? Das ist bislang kaum vorherzusagen.

Dass diese Dublette als Ausgangspunkt der Erkenntnis an ihr Ende gelangt ist, scheint auf den ersten Blick keine Neuigkeit zu sein. Vertreter des Post- und Transhumanismus haben sich stets auf Foucaults Satz bezogen in ihren Theorien, die davon ausgehen, dass der Mensch durch technologische Verfahren über sich hinauswachsen und die Beschränkungen seines Körpers hinter sich lassen werde.

Demgegenüber möchte ich aber behaupten, dass das Ende des Menschen nicht in der Form einer Überschreitung und Entgrenzung erfolgte, sondern vielmehr in Form einer noch stärkeren Festlegung, oder genauer: in Form eines Verlusts der „transzendentalen“ Seite zugunsten der empirischen.

Das soll natürlich nicht bedeuten, dass es das subjektive Ich nicht mehr gäbe. Es bedeutet nur, dass es nicht mehr die Möglichkeitsbedingung von Wissen und Erkenntnis ist (was nach Kant und für Foucault das Wort „transzendental“ bedeutet). Und dies geht einher mit dem Umstand, dass der transzendentale Teil des Menschen nach und nach arbeitslos wird.

Derzeit koppelt sich im Rahmen des Siegeszugs der Computer die Intelligenz vom Bewusstsein ab – und damit auch das Wissen und die Erkenntnis vom Subjekt. Diese Bewegung ist zudem vorbereitet und flankiert worden von immer stärker und immer erfolgreicher auf empirische Methoden der Quantifizierung und Dataisierung setzenden Wissenschaften. Wissenschaften also, die sich ebenfalls vom subjektiven Nachvollzug emanzipierten und stattdessen empirische Objektivierung vorantrieben, die methodisch gesichert, unabhängig von jeder Subjektivität arbeitet – und die nun umgekehrt von der Entwicklung künstlicher Intelligenzen beflügelt wird.

Die politischen Implikationen blieben lange unbemerkt

Die Konsequenzen dieser Entwicklung lassen sich bereits im ökonomischen, im politischen und auch im lebenspraktischen Bereich erkennen, wo immer weniger Entscheidungen aufgrund von Erfahrung oder Kontemplation getroffen werden. Immer wichtiger werden stattdessen Analysen, Szenarien, Datenerhebungen, algorithmisch produziertes Wissen – selbst Partnerschaften und Gesundheit überlässt man Dating- und Health-Apps.

Auch die Arbeit an sich selbst zielt nicht mehr auf geistige Selbstbeherrschung, sondern auf Verbesserung des empirischen, objektivierten Menschen, was die Form einer artgerechten Haltung seiner selbst (Wellness), eines Spiels mit den sinnlichen Genüssen (Überästhetisierung des eigenen Habitats) und notfalls eines medikamentösen oder chirurgischen Eingriffs in das biologische Leben annimmt. Die zu Foucaults Zeit noch dominante Psychoanalyse – als Therapie, die dem Ich zu Hilfe kommen und seine Autonomie wiederherstellen wollte – wurde durch die empirische Verhaltenstherapie und durch die Psychopharmakologie ersetzt: eine Arbeit am empirischen Menschen.

Diese Entwicklung war schon lange zu beobachten. Dennoch blieben die politischen Implikationen lange unbemerkt. Dabei ist klar, dass sie massiv sind und sein müssen, denn das politische System der westlichen Demokratien basiert auf empirisch-transzendentalen Subjekten – es setzt auf die Teilhabe der Menschen am demokratischen Diskurs und auf Staatsbürgersubjekte, die ihrem subjektiven Wissen und Gewissen verpflichtet entscheiden.

Deutlich sichtbar wird der Ausfall der staatsbürgerlichen Subjektivität bereits in der Debatte um das sogenannte Postfaktische, in der so getan wird, als sei die politische Lüge eine rezente Erfindung und als hätte es zuvor ein faktisches Zeitalter gegeben, was ganz offenkundig beides nicht der Fall ist. Die Debatte zeugt also vor allem davon, dass eben die objektivierbaren Fakten und nicht mehr die Ideologien und Auslegungen durch Bürgersubjekte, dass die allgemeingültig faktischen Notwendigkeiten und nicht mehr die repräsentativ getroffenen Entscheidungen Austragungsort der Politik sind.

Freunde umarmen verboten? Viele junge Menschen sind durch die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie einsamer geworden. Das ist das Ergebnis einer Befragung von 1.000 unter 30-Jährigen, über die die „Welt am Sonntag“ berichtet. Demnach gaben bei der Umfrage der Betriebskrankenkasse Pronova 56 Prozent der teilnehmenden 16- bis 29-Jährigen an, sie fühlten sich seit Beginn der Pandemie „häufig einsam“. Fast ebenso viele seien besorgt, ihren Freundeskreis durch eingeschränkte Kontakte zu verlieren. Vor allem Mädchen und junge Frauen haben demnach ihre Kontakte reduziert: 63 Prozent sahen ihren engen Freundeskreis weniger, 51 Prozent trafen sogar die beste Freundin seltener. Unter jungen Männern galt das der Umfrage zufolge für 47 beziehungsweise 37 Prozent der Befragten. Positiv bewerteten 55 Prozent der befragten Schüler, Studenten und jungen Berufseinsteiger, dass sie im Bereich der Digitalisierung – vom Umgang mit Computern bis hin zur Nutzung neuer Software – etwas dazugelernt hätten.
Freunde umarmen verboten? Viele junge Menschen sind durch die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie einsamer geworden. Das ist das Ergebnis einer Befragung von 1.000 unter 30-Jährigen, über die die „Welt am Sonntag“ berichtet. Demnach gaben bei der Umfrage der Betriebskrankenkasse Pronova 56 Prozent der teilnehmenden 16- bis 29-Jährigen an, sie fühlten sich seit Beginn der Pandemie „häufig einsam“. Fast ebenso viele seien besorgt, ihren Freundeskreis durch eingeschränkte Kontakte zu verlieren. Vor allem Mädchen und junge Frauen haben demnach ihre Kontakte reduziert: 63 Prozent sahen ihren engen Freundeskreis weniger, 51 Prozent trafen sogar die beste Freundin seltener. Unter jungen Männern galt das der Umfrage zufolge für 47 beziehungsweise 37 Prozent der Befragten. Positiv bewerteten 55 Prozent der befragten Schüler, Studenten und jungen Berufseinsteiger, dass sie im Bereich der Digitalisierung – vom Umgang mit Computern bis hin zur Nutzung neuer Software – etwas dazugelernt hätten.

Diese Verlagerung auf das Empirische und Objektive geht mit einem Anspruch auf „Vereindeutigung der Welt“ einher, wie der Arabist Thomas Bauer es genannt hat, das heißt mit dem Ausfall des subjektiven Deutungsspielraums und der Auseinandersetzung mit fremden subjektiven Sichtweisen.

Das Problem einer auf Faktisches verlagerten Politik ist nun natürlich, dass sie so gut wie nie die Eindeutigkeiten und Notwendigkeiten hervorbringt, die sie verspricht – ihre Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten aber nicht mehr durch Meinungskonflikte austragen kann. Fakten lassen sich nicht kritisieren. Und so antwortet man in Debatten nicht mehr mit anderen Sichtweisen und Haltungen, sondern mit „alternativen Fakten“, gegen die dann wieder Faktenchecks in Stellung gebracht werden müssen.

Besonders sinnfällig wurden der Ausfall des Staatsbürgersubjekts und die Verlagerung aufs Faktische aber im Umgang mit der Corona-Krise. Giorgio Agamben beschrieb sehr überzeugend, was es bedeutet, dass sich Politiker medizinisch-virologischen Experten zuwenden: Implizit wird damit eine Haltung akzeptiert, die das menschliche Leben in ein biologisch-organisches (für das die Medizin zuständig ist) und ein sozial-kulturelles (für das sie nicht zuständig ist) unterteilt; in einem zweiten Schritt dann aber das biologische Leben als Möglichkeitsbedingung des sozialen fasst und diesem überordnet.

Unschwer erkennt man auch in diesem Gedankengang die Anlehnung an Foucaults Dublette – nicht umsonst ist auch hier von einem doppelten Menschen die Rede und nicht umsonst prägte Foucault auch den Begriff der Biopolitik, das heißt einer Politik, deren Gegenstand just die Organisation der medizinisch bestimmten Organismen ist.

Man kann diese Beobachtung nun aber auch etwas entmoralisieren. Man muss zum Beispiel anerkennen, dass die Gesellschaften umso besser durch die Krise kamen, je effizienter sie diese humanitäre Form der Biopolitik umsetzten. Denn: Gerettet wurden die Menschen ja durchaus, bloß eben nicht mehr im Sinne der Dublette. An die Stelle des Humanismus trat eine Art Humanitarismus. Und denkt man an das Unheil, das vom Humanismus ausgegangen ist („humanistisch“ waren in Foucaults Lesart zum Beispiel auch die kolonialistischen, kommunistischen und faschistischen Ideologien der Moderne), muss das nicht per se schon etwas Verdammenswertes sein.

Hört auf die Wissenschaften, sagt Greta Thunberg

Allerdings entsteht so durchaus ein Problem für die Demokratien. Denn immerhin wich im Rahmen der Corona-Politik die demokratische Ordnung der Aushandlung zwischen Meinungen, Interessen und den empirischen Wissenschaften einer unangefochtenen Vorherrschaft der Letztgenannten. Die Nachrichtensendungen verschoben ihren Fokus von den Entscheidern auf die objektiven Fakten – die Inszenierung der Meinungs- und Interessenkonflikte machte einer Art Corona-Wetterbericht Platz.

An die Stelle der Meinungsbildung trat eine populärwissenschaftliche Erklärung, die Inszenierung der Debatten wurde ersetzt durch eine Ästhetik der Karten, Diagramme, Zahlenwerte, Statistiken. Entscheidungen wanderten aus den Parlamenten in die Exekutiven und diese entmachteten sich dann wiederum selbst, indem sie auf die Daten hörten. Kurz: Das Empirisch-Faktische verdrängte das Subjektiv-Transzendentale nach und nach aus der Politik.

Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Weitere nach Objektivierung rufende globale Krisen – vor allem die ökologischen – stehen bevor. Sie sind weitere Gelegenheiten, die westlichen Demokratien einer weiteren Dataisierung und Faktifizierung, einem weiteren Handeln gemäß der Notwendigkeit auszusetzen.

„Hört auf die Wissenschaften“, sagt Greta Thunberg – sie sagt nicht: Hört auf die demokratischen Diskurse. Nun kann man natürlich behaupten, ihr Ziel sei, sich auf diese Weise in den demokratischen Meinungsaustausch einzubringen. Doch angesichts der Schwierigkeiten westlicher Demokratien, ihren Meinungs- und Interessenausgleich mit der Weltrettung zu vereinen, könnte man ihr auch nicht übelnehmen, wenn dem nicht so wäre: Dem von ihm selbst ausgelösten und nach ihm benannten Anthropozän ist der Mensch auf eine traditionell humanistische Weise bisher kaum überzeugend entgegengetreten.

Es ist nicht weiter erstaunlich, dass der doppelte Mensch sich irgendwann seiner transzendentalen Unzulänglichkeit bewusst wurde, vor sich selbst Angst bekam und dann dazu überging, sich fortwährend empirisch zu kontrollieren – durch Untersuchungen, Apps, Faktenchecks, Vereindeutigungen, Notwendigkeitsentscheidungen. Doch beschleunigte er so natürlich sein Ende. In den kommenden Jahren werden die westlichen Demokratien wohl lernen müssen, ohne ihn auszukommen.

Dieser Artikel ist am 23. Mai unter dem Titel „Wird es nach Corona noch Menschen geben?“ in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen.


Titelbild: 

| Billy Pasco / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Bilder im Text: 

| Brian McGowan / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link

| Clay Banks / Unsplash.com (CC0 Public Domain) | Link


Beitrag (redaktionell unverändert): Prof. Dr. Jan Söffner

Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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