Tiefenbohrung
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Vortrag von Christine Andrä

Hand in Hand für den Frieden

von Lea Riexinger | freie Autorin
29.11.2019
Durch das nationale Ausstellen der Handarbeiten werden Geschichten nach außen getragen. Damit kommen wir unserem Ziel ein Stück näher, die Vorurteile gegenüber der FARC zu widerlegen und den Friedensprozess von unten zu stärken.

Dr. Christine Andrä
Department of International Politics der Aberystwyth University in Wales
 
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    Zur Person
    Dr. Christine Andrä

    Dr. Christine Andrä ist Postdoc-Forschungsassistentin im Forschungsprojekt „(Un-)Stitching the Subjects of Colombia's Reconciliation Process“, einem von der AHRC geförderten Zweijahresprojekt an der Aberystwyth University (Wales) und der University of Antioquia (Kolumbien). Andrä promovierte in Internationaler Politik an der Aberystwyth University. Sie hat einen B.A. in Politikwissenschaft und Rhetorik von der Universität Tübingen, einen M.A. in International Studies/Peace and Conflict Research von der Universität Frankfurt und einen M.Res. in Politik- und Sozialforschung vom European University Institute in Florenz. Sie war Research and Teaching Fellow am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen (2018-2019) und Visiting Fellow an der School of International Service der American University (2016-2017). 

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Die FARC in Kolumbien entstand aus bäuerlichen Selbstverteidigungseinheiten und als Reaktion auf die verstärkte militärische Unterdrückung dieser. Ziel der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens war es, Ungleichheiten zwischen den Menschen in Kolumbien zu bekämpfen, wobei sie als Mittel zu Gewalt griffen – finanziert haben sie sich durch Drogenschmuggel und Entführungen. „Insgesamt sind in dem Konflikt bisher rund 220.000 Kolumbianer getötet worden, 45.000 gelten als vermisst und vier bis fünf Millionen sind Binnenvertriebene oder ins Ausland Geflüchtete. Jeder Kolumbianer kennt jemanden, der der FARC zum Opfer gefallen ist oder ist gar selbst Opfer“, berichtet Andrä.


Nach 50 Jahren Dauerkonflikt wurde im Juni 2016 ein Waffenstillstand und anschließend ein Friedensvertrag vereinbart. In diesem verpflichtete sich die FARC, ihre Waffen abzugeben und sich in die Zivilgesellschaft Kolumbiens zu integrieren. „Das nicht bindende Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und den linken FARC-Guerilla wurde im Oktober 2016 durch eine Volksabstimmung mit circa 50,2 Prozent abgelehnt“, bemerkt Andrä. Der sogenannte „Frieden von oben“ konnte nichtsdestotrotz – vor allem, weil er nicht bindend war – umgesetzt und ratifiziert werden.


„Leider setzen die Kolumbianer momentan wenig Hoffnung in diesen Friedensvertrag“, sagt Andrä. „Das liegt unter anderem daran, dass es weiterhin politisch motivierte Gewalt gegen indigene und soziale Bewegungen gibt und dabei vorwiegend gegen ehemalige FARC-Kombattantinnen und -Kombattanten, obwohl ihnen Schutz gewährt wurde, wenn sie in das Friedensprogramm eintreten.“ Auch deshalb sind inzwischen Teile der FARC aus dem Friedensprozess ausgetreten.

Links, marxistisch, Guerilla-Krieger: Seit 1964 sorgen die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, kurz FARC, mit ihrem bewaffneten Kampf gegen den kolumbianischen Staat für Angst und Schrecken. Ihren Kampf finanzierten die Rebellen bisher mit Entführung, Erpressung der lokalen Drogenkartelle, Goldabbau und der Herstellung illegaler Drogen. Durch den im November 2016 geschlossenen Friedensvertrag zwischen der kolumbianischen Regierung und der Rebellengruppe endete nach über 50 Jahren einer der weltweit langwierigsten Bürgerkriege. Dieser Friedensschluss bedeutet, dass tausende ehemalige Kombattantinnen und Kombattanten den Übergang in ein ziviles Leben finden müssen. Wie diese gelingen kann, diskutierte Dr. Christine Andrä vom Department of International Politics der Aberystwyth University in Wales im Rahmen der Vortragsreihe „Effects of Peace Operations“  mit Studierenden der Zeppelin Universität.
Links, marxistisch, Guerilla-Krieger: Seit 1964 sorgen die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, kurz FARC, mit ihrem bewaffneten Kampf gegen den kolumbianischen Staat für Angst und Schrecken. Ihren Kampf finanzierten die Rebellen bisher mit Entführung, Erpressung der lokalen Drogenkartelle, Goldabbau und der Herstellung illegaler Drogen. Durch den im November 2016 geschlossenen Friedensvertrag zwischen der kolumbianischen Regierung und der Rebellengruppe endete nach über 50 Jahren einer der weltweit langwierigsten Bürgerkriege. Dieser Friedensschluss bedeutet, dass tausende ehemalige Kombattantinnen und Kombattanten den Übergang in ein ziviles Leben finden müssen. Wie diese gelingen kann, diskutierte Dr. Christine Andrä vom Department of International Politics der Aberystwyth University in Wales im Rahmen der Vortragsreihe „Effects of Peace Operations“ mit Studierenden der Zeppelin Universität.

In der kolumbianischen Gesellschaft existieren drei verschiedene Narrative über die FARC. Erstens herrscht das Narrativ „Das sind Terroristen“ vor, das sich alles andere als differenziert mit den einzelnen FARC-Kämpfern auseinandersetzt. Das zweite Narrativ wird vor allem in den ungebildeten und ärmeren Schichten vertreten und lautet „Sie haben es verdient“. Das dritte Narrativ dagegen ist unter Akademikern verbreitet und läuft unter dem Motto „Man kann sowieso nichts tun“.


„Genau an diesen drei Punkten setzt mein aktuelles Forschungsprojekt an“, erwähnt Andrä. „Es soll zeigen, dass es nicht ausreicht, einen Frieden von oben herbeizuführen; dieser muss auch von unten gestützt werden. Zugleich soll ein Raum für den gegenseitigen Dialog entstehen, den es momentan leider nicht gibt.“ Die Projektarbeit besteht hauptsächlich aus Feldforschung, die in zwei kolumbianischen Dörfern stattfindet. In beiden Dörfern wird der Versuch unternommen, ehemalige FARC-Rebellen durch Projekte in die Dorfgemeinschaften zu integrieren. Methodisch werden biografische Interviews durchgeführt, Handarbeit-Workshops angeboten und mit den Produkten aus diesen Workshops Ausstellungen ermöglicht.


Ziel ist es zum einen, individuelle Lebensgeschichten zu erkunden und diese im historischen und sozio-politischen Kontext zu verstehen, um Alternativen zu den dominanten Narrativen aufzuzeigen. Zum anderen soll eine Re-Editorialisierung von Selbst- und Fremdbildern erzeugt werden, sodass auf eine positive Zukunft hingearbeitet werden kann. „Die Handarbeit dient in diesem Zusammengang als Wertschätzung und Aufwertung von erfahrungsbasiertem Wissen der Teilnehmenden. Zudem sind Textilien – vor allem in Lateinamerika – Dokumentations- und Erinnerungsquellen, die hauptsächlich zur Vergangenheitsbewältigung im Kontext von Konflikten genutzt werden“, erklärt Andrä.

Zwischen Selbst- und Fremdbildern

Ein Workshopteilnehmer habe beispielsweise eine über eine Hand fliegende Taube gestickt und das Werk mit den Worten kommentiert: „Das Wichtigste ist für mich, dass die FARC-Guerilla dem Versöhnungsprozess beigetreten ist; die fliegende Taube ist wie sie – frei, nicht eingesperrt.“ Ein weiterer Teilnehmer sagt über seine bisherige Zeit in einem der beiden Dörfer: „Jetzt betrachten sie uns als etwas Positives! Dadurch haben wir mehr Kraft, um Projekte durchzuführen und mit Menschen zusammenzuarbeiten, die früher anders gedacht haben, und so lernen wir alle, gemeinsam zu leben. Die Versöhnung ist notwendig, damit sich Gewalt nicht wiederholt.“


Erste Erkenntnisse haben sich bereits gezeigt. „Es gibt bevorzugte Selbstbilder, die sich mit dem Ursprung der FARC als linkes Ideal und dem Streben nach Gerechtigkeit identifizieren. Gleichzeitig werden einige Selbstbilder aber auch verschwiegen, wie FARC-interne Debatten über Geschlechterrollen. Bisher wurde angenommen, dass die FARC eine linke marxistische progressive Rebellengruppe sei. Aufgrund der Tatsache, dass das Geschlechterleben sehr konservativ abläuft, waren besonders die beteiligten kolumbianischen Forscherinnen negativ überrascht“, erzählt Andrä. Daneben existieren alternative Selbstbilder: So sind Menschen der FARC beigetreten, weil sie sich in ein FARC-Mitglied verliebt haben – diese Selbstbilder werden allerdings von den allermeisten Kolumbianern als unwichtig erachtet.


Vor Ort arbeiten vor allem die kolumbianischen Forscherinnen seit rund acht Monaten mit den Dorfgemeinden zusammen. Dabei wird über viele Dinge gesprochen, aber leider noch nicht über die Gewalttaten, die begangen wurden. „Es wird lediglich erwähnt, wer gestorben ist, aber nie, dass Waffengewalt angewandt wurde. Verantwortung wird ebenfalls keine gezeigt“, bemerkt Andrä. Sie glaubt trotz alledem, dass das Projekt auf einem guten Weg sei, auch in Bezug auf das Bild der FARC in Kolumbien. „Durch das nationale Ausstellen der Handarbeiten werden Geschichten nach außen getragen. Damit kommen wir unserem Ziel ein Stück näher, die Vorurteile gegenüber der FARC zu widerlegen und den Friedensprozess von unten zu stärken“, schließt Andrä ihren Vortrag. „Dieser Prozess muss aber noch weiter, in die Breite der Gesellschaft und vor allem in die Städte gebracht werden. Deshalb gibt es im nächsten Jahr zum Beispiel eine große Ausstellung in Medellín.“

Titelbild: 

| neufal54 / Pixabay.com (CC0 Public Domain) | Link


Bild im Text:

| Samuel Groesch / Zeppelin Universität (alle Rechte vorbehalten)


Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm

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