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Julia Mehlmann ist akademische Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Internationale Sicherheitspolitik. Sie studierte Politik- und Verwaltungswissenschaft sowie Internationale Beziehungen in Konstanz und Friedrichshafen. In Lehre und Forschung beschäftigt sie sich mit Europäischer Sicherheitspolitik, mit Emotionen in der internationalen Politik und aktivistischen Gruppen am Rande des politischen Spektrums. Wie letztere durch affektive Praktiken die offizielle Migrationspolitik in Zweifel ziehen, erforscht sie in ihrem Promotionsprojekt.
Viele Krisen prägen unsere Zeit. Befinden wir uns in der Unzeit? In einer Zeit dazwischen, die in Zukunft die Geschichte in ein Davor und ein Danach einteilen wird? Die Gegenwart scheint geprägt von Umbruch, Unsicherheit und Unordnung. Doch was dem entgegensetzen?
Es ist möglich, dass ein Ereignis eintritt. Es ist möglich, dass ein Ereignis nicht eintritt. Es ist weder notwendig noch unmöglich, dass es auftritt. Auch die Art und Weise des Eintretens (oder Nicht-Eintretens) des Möglichen ist offen. Es könnte stets auch anders sein. Kontingenz bezeichnet etwas Erfahrbares vor dem Hintergrund der Möglichkeit, dass dieses Erfahrene auch ganz anders oder gar nicht hätte erfahren werden können. Der Konjunktiv wird zur alles bestimmenden Form. Schon die Wahrnehmung von Gegebenheiten unterliegt der Kontingenz. Denken wir an die Fake News und Verschwörungstheorien, die durch die Undurchschaubarkeit der Welt erst möglich werden.
Es ist aber nicht der bloße Zufall, sondern die Unberechenbarkeit, die das Phänomen ausmacht. Während Wahrscheinlichkeiten einer Entscheidung mit klaren Auswahloptionen vorhergesagt werden können, sind die Versuche der Wissenschaft, Folgen von Handlungen in der komplexen Welt mit genauen Wahrscheinlichkeiten vorherzusagen, in vielen Bereichen des sozialen Miteinanders zum Scheitern verurteilt. Es ist schwierig geworden, eine bestimmte Handlung einer vorhersehbaren Folge zuzuordnen oder umgekehrt ein Ereignis auf einen oder mehrere Auslöser zurückzuführen. Die Identifikation von Ursache und Wirkung ist herausfordernd bis unmöglich.
Ökonomen, Rechts- und Sozialwissenschaftler, Philosophen – alle statieren der Gegenwart zunehmende Vernetzung und Dynamisierung. Das Handeln von Individuen und Gruppen in der globalisierten, digitalen Welt unterliegt der Kontingenz. Das Beispiel der aktuellen Sanktionen gegen Russland verdeutlicht die Unvorhersehbarkeit der Auswirkungen bestimmter Maßnahmen anschaulich: Laut einer Recherche der ARD sagen die Experten der US-Bank JP Morgan im März einen russischen Wirtschaftseinbruch von 35 Prozent voraus. Das Auswärtige Amt geht derzeit von einem Einbruch von bis zu 15 Prozent aus, der Rat der Europäischen Union berechnet mindestens 11 Prozent. Der russische Wirtschaftsminister geht von deutlich weniger aus. Tatsächlich berechnet JP Morgan inzwischen lediglich 4 Prozent Wirtschaftseinbußen in Russland.
In der internationalen Politik werden dieses Phänomen und seine Folgen an vielen Stellen deutlich. Es gibt Missverständnisse, Widerstände, ergebnislose Verhandlungen, verworrene bürokratische Prozesse. In Krisenzeiten tritt das umso deutlicher zutage. Es gibt zwar Ansätze, Zusammenhänge zu erklären, Lösungen zu finden, Vorhersagemodelle zu entwickeln. Diese Modelle werden jedoch stetig komplexer. Durch die Hinzunahme von immer mehr Faktoren, Variablen und die Bildung komplizierter, sehr durchdachter Indizes wird versucht, dem Phänomen Rechnung zu tragen. Statt einzelner Vorhersagen werden Szenarien berechnet: etwa zur Entwicklung der Corona-Infektionen, zur Gasversorgung oder zur Höhe der Flüchtlingszahlen in Kriegen und Konflikten.
Umso mehr erfordern Handeln und Sprechen in diesem Zusammenhang Mut. Es stellt sich die Frage, ob man überhaupt zielgerichtet handeln kann unter solchen Umständen. Nützt das gesellschaftliche Engagement etwas? Führen geplante Aktionen zum Ziel? Die Handlungsoptionen haben zugenommen, sind diverser und zugänglicher geworden. Wenn man politisch etwas verändern möchte, stehen zahlreiche Möglichkeiten offen: vom klassischen Leserbrief über eine Parteimitgliedschaft bis hin zur Demonstration oder Online-Petition. Die Handelnden müssen jedoch mit der Möglichkeit rechnen, missverstanden zu werden, unbeabsichtigte Folgen zu verursachen, Unbehagen auszulösen und Urteilen anderer ausgeliefert zu sein. Sobald Akteure ins Licht der Öffentlichkeit treten – wie Hannah Arendt es formuliert – laufen sie Gefahr, sich erklären, rechtfertigen und verteidigen zu müssen. Man muss mit den ungewollten Folgen umgehen. Man exponiert sich, macht sich angreifbar, gibt seine Meinung, sein Wollen preis und stellt damit auch sein Selbst zur Disposition.
Insofern ist politisches und zivilgesellschaftliches Engagement mehr denn je ein Wagnis. Es ist der Versuch, der Kontingenz etwas entgegenzusetzen durch die Schaffung sozialer Ordnung. Durch das gemeinsame Engagement – sei es in Parteien, NGOs, Vereinen, Verbänden oder in losen, informellen Gruppen – bilden sich Strukturen, Kommunikationswege, Orientierung, Zusammenhalt. Innerhalb der Grenzen sozialer Systeme – wie Niklas Luhmann es formuliert – kann man sich zumindest auf eine Art und Weise der Kommunikation verlassen. Kommunikation ist demnach die Operation, die soziale Systeme ins Leben bringt und am Leben erhält. Insofern diese sozialen Systeme die Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen untergliedern, ordnen sie die Welt. Innerhalb einer engagierten Gruppe einigt man sich formell oder informell auf gemeinsame Werte und Normen, eine gemeinsame Art und Weise des Denkens, Fühlens und Handelns. Man findet denselben Habitus vor, wie Norbert Elias und Pierre Bourdieu es bezeichnen. Durch das Eintreten in die Öffentlichkeit und die Bildung von Gruppen wird gemeinsames Handeln erst möglich.
So betrachtet, wird deutlich, warum nicht nur parteipolitisches Engagement im engeren Sinne politisches Handeln ist, sondern jegliche Beteiligung im öffentlichen Raum – sei es im Sportverein, in Kunst und Kultur oder im sozialen Bereich. Immer stellt handeln einen mutigen Neuanfang dar. Wenn Menschen im Raum der Öffentlichkeit zusammenkommen, einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess beginnen, sich austauschen, streiten, nutzen sie ihre naturgegebene Fähigkeit, einen Anfang zu setzen, dessen Auswirkungen nie vorhersehbar sind und damit immer ein Risiko beinhalten. Dieses gemeinsame Handeln von Menschen mit vielfältigen Meinungen, Interessen, dieser Pluralismus macht das Politische aus.
Nach einer Ehrhebung des European Social Survey von 2018 beteiligten sich etwa 5 Prozent der deutschen Bevölkerung in einer Partei oder Bürgerinitiative. Laut des vierten Freiwilligensurveys des Bundesfamilienministeriums, der die aktuellsten Daten aus dem Jahr 2014 sowie die drei vorherigen Erhebungswellen berücksichtigt, engagieren sich etwa 44 Prozent der Deutschen über 14 Jahren freiwillig gemeinnützig. Diese Zahl sei in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Die Autoren der Studie führen den sich zunehmend dynamisierenden Anstieg auf gesellschaftliche Veränderungen zurück. Letztere haben sich seit der Erhebung dieser Zahlen wohl eher beschleunigt, verschärft, zugespitzt.
Aufgrund der aktuellen Inflation – so eine Meinungsumfrage des Forschungsinstituts Insa aus dem Sommer 2022 – möchte inzwischen jeder zweite Deutsche laut eigener Aussage demonstrieren gehen. Tatsächlich beteiligten sich laut Zahlen aus dem Jahr 2018 etwa 9 Prozent der Menschen an Demonstrationen oder Kundgebungen. Als friedliche Meinungsäußerung stellen diese Beteiligungsformen – so kann man interpretieren – den Ausdruck des gemeinsamen mutigen Handelns und Sprechens dar. Und doch geht die Protestforschung davon aus, dass bestimmte Themen Mobilisierungsschübe auslösen, die zum vermehrten Auftreten politisch motivierter Gewalttaten führen und in Wellen regelmäßig auftreten.
Es scheint, als wäre die Grenze zwischen Engagement, das den Zusammenhalt stärkt, und Aktionen, die spalten und eine Gefahr für die innenpolitische Sicherheit darstellen, ein schmaler Grat, ein fließender Übergang. Wo ist der Kipppunkt, an dem vormals Engagierte zu Gegnern des Systems werden, an dem die Bereitschaft endet, sich am politischen Diskurs zu beteiligen oder Maßnahmen still mitzutragen? Wo Einsatzbereitschaft in Wut umschlägt? Und: Kann oder sollte die Politik dem aktiv etwas entgegensetzen? Haben wir nicht alle ein Interesse daran, dass möglichst viele Menschen die Möglichkeit haben, sich wirkungsvoll zu engagieren? Freiwilliges Engagement ist soziale Teilhabe und diese ist zentral für den Zusammenhalt von Gesellschaften. Deswegen liegt nahe, dass je mehr Menschen gesellschaftliches Leben aktiv gestalten, desto weniger Menschen sich ausgeschlossen, abgehängt, benachteiligt fühlen.
Als Antrieb für ihr freiwilliges Engagement geben die Befragten des Freiwilligensurvey an, ihre ehrenamtliche Tätigkeit mache ihnen Spaß, sie wollten anderen Menschen helfen und mit Gleichgesinnten in Kontakt kommen. Die Gründe, sich an Demonstrationen zu beteiligen, zentrieren sich meist um einen Themenkomplex: wahrgenommene Missstände in Bildung oder Pflege, Corona-Maßnahmen, Klimapolitik, steigende Energiepreise. Kurz: die Unzufriedenheit mit den Entscheidungen der Politik im Umgang mit einem bestimmten Problem. Die Krisen, die als Anregung, geradezu als Aufforderung zum Mit-, Um- und Neugestalten dienen, die das Gefühl auslösen, etwas tun zu müssen, helfen zu wollen, können also ebenso zu Wut, Verärgerung und dem Gefühl führen, abgehängt und machtlos zu sein. Ob und in welcher Form das eine oder das andere Ereignis eintritt, hängt von zahlreichen Faktoren ab – psychologischen, sozialen, kulturellen, ökonomischen – und unterliegt zu großen Teilen der Kontingenz.
Es ist beachtenswert, welche Muster im politischen Engagement zu Tage treten, wie und warum sich Menschen zusammenfinden, welche Aktionen sie planen und umsetzen und ob und wie diese wirken. Dabei kommt es weniger auf die Umsetzung bestimmter Ziele an als vielmehr auf den Prozess des gemeinsamen Handelns an sich. Wie Arendt es formuliert: Der Sinn von Politik ist Freiheit. Ein liberaler Diskurs im Habermas´schen Sinne mit vielfältigen Perspektiven und Gestaltungsmöglichkeiten. Ist es die genau die Offenheit der Zukunft, die dazu inspiriert, den Raum des Privaten zu verlassen, einen Diskurs zu schaffen, die zum Handeln auffordert, Freiheit schenkt und Mut macht? Vielleicht ist das der Weg vom Dazwischen zum Zwischenschritt, von der undurchschaubaren Unzeit zur hoffnungsvollen Umdenk-Zeit.
Titelbild:
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Bilder im Text:
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Beitrag (redaktionell unverändert): Julia Mehlmann
Redaktionelle Umsetzung: Florian Gehm